Auf
dem Weg zur Authenzität.
Schreibworkshop und abschließende Lesung
Im
Mai 2011 übten sich die SchülerInnen der 6B unter der
fachlichen Anleitung der österreichischen Autorin Julya
Rabinowich im literarischen Schreiben.

Hier zwei kleine Textproben:
Kalte
Tropen
Es
ist immer dasselbe. Wenn man mich zu einem dieser Feste mitschleppt,
dann sitze ich
in einer Ecke und warte darauf, bis sich etwas tut. Als ob
sic die Anwesenden für mich interessieren würden… nicht,
dass ich Aufmerksamkeit verlange, aber mit der Zeit wird es in
meinem Ecklein sehr langweilig.
Heute ist es sehr heiß, fast 35 Grad.
Die Alten fächern sich Luft zu und versuchen ihre langen Haare
einigermaßen ordentlich unter den riesigen Hüten zu
verstecken. Die Kinder laufen ziellos hin und her und scheinen
diese enorme Hitze gar nicht wahrzunehmen.
Ich rücke etwas weiter nach Vorne, um meinen Rücken von
meinem Sessel zu lösen, da meine Haut mit dem Plastik anscheinend
schon verschmolzen war. In der Menge sehe ich meine Mutter, die
mich zu sich winkt, diese Geste kenne an ihr kenne ich schon, sie
will mich jemanden vorstellen. Ich zögere zu ihr zu gehen
und sie beginnt noch energischer zu winken. Verdammt, sie weiß,
dass ich sie gesehen habe, jetzt verändert sich ihre Mine.
Ihr Blick sagt: "Bewegt deinen kleinen Arsch her, sonst fängst
du eine."
Um meine liebe Mutter nicht weiter zu provozieren, stehe ich
schließlich
auf, streiche mein Sommerkleid glatt und versuche mir so gut es
geht den Schweiß vom Gesicht zu wischen. Meine Mutter empfängt
mich mit offenen Armen um mich schließlich in der Runde vorzuführen
wie ein Zirkusäffchen. Krampfhaft lege ich meine Zähne
aufeinander und versuche mein bestes Lächeln aufzusetzen.
Vergeblich, die Kollegen meiner Mutter mustern mich unfreundlich
und geben ein verächtliches Schnauben von sich. Was war denn
nur los? Ich sehe an mir hinunter um mein Kleid zu überprüfen.
Es ist immer noch strahlend weiß, reicht mir bis zu den Knien
und zu viel Ausschnitt zeige ich auch nicht. Was haben sie für
ein Problem mit mir? Nervös sehe ich meine Mutter an, ihr
Blick ist starr. Einer der Männer lächelt mich nun an
und fragt mich, ob ich denn keine Freunde hätte. Angewidert
von seinem Mundgeruch, gebe ich zuckersüß zurück,
dass ich sehr wohl Freunde habe. Darauf hin zeigt der Mann zu dem
kleinen Buffettisch, an welchem sich eine Gruppe Jugendlicher versammelt
hat.
"
Siehst du dieses Mädchen? Die mit dem blauen Kleid, sie steht
dort mit ihren Freunden, ihr seid ungefähr gleich alt. Geh
doch rüber und unterhalte dich mit ihr", meint er. Meine
Mutter schaut mich ermutigend an und gibt mir einen kleinen Stupser.
Na schön, probieren wir's mal. Das Mädchen mit dem blauen
Kleid ist richtig hübsch. Sie ist schlank, hat schön
geformte Beine und lange, schwarze Haare. Ihre Nase ist klein und
spitz und sie hat schöne, braune, mandelförmige Augen,
die von dichten Wimpern umrandet sind.
Was für eine Schlampe, ich hasse sie jetzt schon. Aber bevor
ich noch einen weiteren Gedanken daran verschwenden kann, wie perfekt
sie ist und wie unvollkommen ich bin, wandere ich schon über
den gemähten Rasen und bleibe vor ihr stehen. Ganz langsam,
wie in Zeitlupe, dreht sie sich zu mir, so was von unnötig.
Sie sieht mich von oben bis unten an und ihre Gesichtszüge
werden weicher. Ihre Freunde bemerken mich nun auch und sehen mich
ganz verblüfft an. Ich hasse solche Blicke, haben sie etwa
noch nie einen Menschen gesehen? Habe ich etwa ein Geweih oder
Stoßzähne? Nur das Mädchen mit dem blauen Kleid
lächelt mich nett an, trotzdem traue ich ihr nicht. Zögernd
stelle ich mich vor und versuche dabei nicht angepisst zu klingen.
Ihre Freunde gaffen mich immer noch an, es ist eindeutig dieser "Ich-bin-besser-als-du-Blick".
Das Mädchen mit dem blauen Kleid gibt schließlich mit
ihrer hellen, sanften Stimme von sich: "Hey, schön, dich
kennen zu lernen, ich heiße Kate."
Jetzt werden auch ihre Freunde zahm, da ihre Clubkönigin mir
erlaubt hat, in ihr Reich einzutreten. Sie laden mich dazu ein,
den Garten zu erkunden und fragen mich alle möglichen Dinge.
An einer Bank angekommen, lassen wir uns nieder. Mir fällt
auf, dass bis jetzt nur Kate mit mir geredet hat und nun versucht,
auch die anderen in ein Gespräch mit mir zu verwickeln. Doch
Kate fällt mir ins Wort. "Warum hast du so große
Augen?", fragt sie mich kichernd, ihre Freunde machen es ihr
nach. "Damit ich dich besser sehen kann", gebe ich spielerisch
zurück. "Und warum hast du so eine große Nase?",
fragt der Junge neben mir. "Damit ich dich besser riechen
kann", sage ich und blicke sie alle verwirrt an. Jetzt höre
ich diesen Unterton in ihren Stimmen, langsam kapiere ich, was
das Ganze soll. Ich blicke verlegen auf den Boden, den Tränen
nahe. "Warum ist deine Haut so hell?", fragt Kate wieder. "Weil
ich lange nicht mehr richtig in der Sonne war", murmle ich.
Ich würde jetzt sicher nicht wie ein kleines Mädchen
losheulen. Angriff ist ja schließlich die beste Verteidigung. "Warum
sind deine Füße so groß?", fragt mich Kate
wieder und die anderen prusten los.
Aber ich antworte ganz gelassen: "Damit ich dir besser in
den Arsch treten kann". Zickig schaut sie mich an und ich
sonne mich in ihrem Zorn und begebe mich wieder in meine Ecke.
(Denise Kraus)
Raffaelo
"
Fahrscheine, bitte", rief der Fahrkartenkontrolleur durch
die U-Bahn. Als erstes kam der Kontrolleur auf mich zu. Mit prüfendem
Blick starrte er mich an und fragte anschließend, ob ich
ihn verstanden hätte.
Ich antwortete in meinem perfekten Wiener Dialekt, dass ich sehr
wohl wisse, was er von mir verlangte und streckte ihm meine Jahreskarte
ins Gesicht. Er murmelte leise ein herablassendes "Danke" und
stieg nach einem weiteren prüfenden Blick aus. Solche Vorfälle
sind inzwischen zum Alltag geworden. Kein Tag vergeht, ohne dumm
angemacht zu werden.
Begonnen hatte alles mit der Flucht aus Indien. Meine Eltern hielten
es für das Beste, uns, meinen Bruder und mich, nach Österreich
zu bringen, wo ich in einen neuen Kindergarten mit fremden Menschen
und einer für mich unbekannten Sprache gesteckt wurde.
Meine Probleme begannen schon damit, meinen "Kindergartentanten" zu
erklären, dass ich aufs Klo musste. Als ich mir daraufhin
in die Hose machte, wurden die Gerüchte nur verstärkt,
dass wir Ausländerkinder nie richtiges Benehmen beigebracht
bekommten hätten.
Die anderen Kinder schlossen mich aus und ich hatte daher keine
Freunde und verlor so die Motivation, die deutsche Sprache zu erlernen.
Als ich dann schließlich mit sechs Jahren in die Schule kam,
hatte ich keine andere Wahl, als Deutsch zu lernen, da meine Eltern
keine Anstalten machten, wieder zurück in die Heimat zu gehen.
Ich begann zu verstehen, was meine Mitschüler so redeten,
jedoch verstand ich auch, dass sie über mich redeten.
Und obwohl ich anfänglich einen gewissen Hass Wien gegenüber
empfand, wurde mein Interesse immer mehr geweckt, je mehr ich mich
integrierte.
Ab meinem achten Geburtstag sah ich mein Freundschaftsbuch immer
seltener, da es sich hauptsächlich bei den unterschiedlichsten
Freunden aufhielt.
Und obwohl ich mich über die Schulentscheidung meiner Eltern ärgerte,
besuchte ich in der Unterstufe die "St. Anna Klosterschule
der mebarekanischen Gemeinde Esser".
Dort begann mein Interesse an Burschen zu wachsen, als ich an jenem
14. März 1976 bei einem Schulausflug mir ein Eis kaufte. Durch
meine große Tollpatschigkeit stolperte ich mit meinem gerade
gekauften Eis über meine eigenen Schuhbänder und flog
meiner ersten großen Liebe in die Arme. Durch die verblüffende
Schönheit dieses jungen, gutaussehenden Mannes überkam
mich ein mulmiges Gefühl in der Magengrube, das ich anfangs
als Übelkeit, dann als ein neues, unbekanntes Gefühl
wahrnahm.
Sein zahnpastaweißes Werbungslächeln verschlug mir die
Sprache und als er mich schließlich fragte, ob es mir gut
gehe, bekam ich keinen grammatikalisch korrekten Satz hervor. Er
lachte herzlichste und verriet mir seinen Namen, den ich jedoch
vor lauter Aufregung wieder vergaß. Ich weiß seinen
Namen bis heute nicht, jedoch komme ich am Tychi-Eissalon nicht
mehr ohne die Eissorte Raffaelo zu kaufen vorbei, die Eissorte,
die der Junge nach dem peinlichen Vorfall spendiert hatte.
Gerade
sitze ich nämlich im Eissalon Tychi um mich über
den bedauerlichen Zwischenfall in der U-Bahn hinweg zu trösten.
Hier warte ich nun auf meinen Mann, der gerade am Weg von der Arbeit
hierher ist, um seine Mittagspause spontan mit mir zu teilen.
Als mein Handy zu läuten beginnt, krame ich hektisch suchend
in meiner kleinen, roten Handtasche, als mich plötzlich ein
Mann fragt, ob ich ein Feuerzeug für ihn hätte. Entschuldigend
antworte ich mit einem leisen "Nein", worauf er sich
lächelnd umdreht und ich sein zahnpastaweißes Werbungslächeln
wahrnehme…
(Katharina Esser, Anna Maringer, Khadiga Mebarek)